Speed-Sailing mit SECUMAR

1975: Wachstum durch Wassersport

Das Segeln war in früheren Zeiten eine eher elitäre Angelegenheit. In erster Linie der Adel und vielleicht noch ein paar Wirtschaftskapitäne frönten diesem teuren Freizeitvergnügen. Otto Normalverbraucher war die Wasserwelt von Kaiser Wilhelm II samt seiner Kieler Woche verschlossen – es sei denn, er fungierte als Fähnchen-Schwenker an Land. Mittlerweile ist nicht nur der Kaiser Geschichte, sondern auch die Segelei hat sich kräftig gewandelt. Die Traumsportart ist auch dem „kleinen Mann“ zugänglich, der – immer im Vergleich zu damals – heute mit guten Einkommen günstige Schiffe erwerben kann. Die Konsequenz: Etwa eine Viertelmillion Bundesbürger betreiben Segeln als Sport – und SECUMAR bietet die Sicherheit dazu.

Kaiser Wilhelm II. an Bord seiner Jacht "Meteor". Der Hohenzoller war ein begeisterter Segler - aber aus heutiger Sicht überhaupt kein seemännisches Vorbild. Denn er trug lieber Paradeuniform statt Rettungsweste.

Kaiser Wilhelm II. an Bord seiner Jacht „Meteor“. Der Hohenzoller war ein begeisterter Segler – aber aus heutiger Sicht überhaupt kein seemännisches Vorbild. Denn er trug lieber Paradeuniform statt Rettungsweste.

Anfang April 1950 betritt einer von jener Art Gästen die Geschäftsräume der Firma Ing. Karl Bernhardt Apparatebau, die man lieber gehen als kommen sieht. Es ist Steuerinspektor Carstensen vom Finanzamt Hamburg-Neustadt, der zur Betriebsprüfung erscheint. Firmenchef Karl Bernhardt kann aufatmen, als der brave Prüfer am 24. April sein Testat über die ersten Nachkriegsjahre abgibt: es hat sich in diesen Zeiten von Schwarzmarkt und Schieberei „kein ungeklärter Vermögenszuwachs“ ergeben, alles in Ordnung, Buchführung korrekt. Nur einen kleinen Rüffel am Rande notiert der Finanzbeamte: „Der Verbrauch übersteigt gering den der allgemeinen Notlage entsprechenden Lebensstandard.“ verständnisvoll fügt er jedoch hinzu: „Es ist aber zu berücksichtigen, dass der Steuerpflichtige als Ausgebombter nach der Währungsreform manche notwendige Anschaffung machen musste.“ Wer heute diesen Bericht liest, muss schmunzeln.

Aber Steuerinspektor Carstensens Niederschriften sind mehr als nur unterhaltsame Anekdoten. Hier sind die kleinen Anfänge dokumentiert, die, sobald man sie mit den heutigen Zahlen vergleicht, den stetigen Aufschwung der Firma SECUMAR widerspiegeln. Personal damals: zwei Angestellte, ein Meister, ein Geselle, vier Arbeiterinnen – Belegschaft heute: 85 Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter, Umsatz 1946: genau 86.471,- Reichsmark – Umsatz heute: im unteren zweistelligen Millionenbereich.

Zu dieser positiven Entwicklung beigetragen hat das Segeln als Freizeitvergnügen. Bis in die 60-er Jahre wurde dieser Sport von vergleichsweise wenigen Menschen betrieben. Und als dann ein regelrechter Boom einsetzte, konnte Jost Bernhardt mit dem passenden Angebot aufwarten. Basis war die Rettungsweste BS 8, die sich bei Wasserkontakt automatisch aufbläst. Dieses ursprünglich für die Binnenschifffahrt konstruierte Gerät sollte den Bootsleuten Sicherheit bringen, ohne sie beim Arbeiten zu behindern, wie es oft klobige Feststoffwesten tun. Und da der Freizeit-Schiffer auch nicht nur den lieben langen Tag im Cockpit sitzt oder sich auf dem Vorschiff sonnt, sondern bei den unterschiedlichsten Tätigkeiten an Deck auch Bewegungsfreiheit benötigt, schlug das Prinzip der aufblasbaren Automatikwesten bei den Wassersportlern sehr gut ein.

Die dänische Regattayacht "Sydjylland". Die Profisegler fürchten weder Wind noch Wetter, denn sie vertrauen auf SECUMAR.

Die dänische Regattayacht „Sydjylland“. Die Profisegler fürchten weder Wind noch Wetter, denn sie vertrauen auf SECUMAR.

Das „Grundmodell“ BS 8 wurde weiterentwickelt, das Volumen auf zehn Liter vergrößert, um noch größere Sicherheitsreserven zu bieten. Das Design wurde verfeinert, das Outfit der Westen schicker gestaltet. 1970 wurden die Rettungswesten um einen Life-Belt ergänzt, an dem Sicherheitsleinen zur Sicherung an Bord befestigt werden können und der das Abbergen erleichtert. Mit diesen Produkten im Angebot baute SECUMAR den Vertrieb konsequent aus. Außendienstmitarbeiter begannen systematisch Händler zu akquirieren. Seitdem trägt der Wassersport maßgeblich dazu bei, dass die Anzahl der von SECUMAR jährlich hergestellten Westen im sechsstelligen Bereich liegt.

Der Aufschwung war aber nicht der einzige Meilenstein in den 70-er Jahren. Einen weiteren Einschnitt stellte die Verlagerung des Betriebes von Hamburg nach Wedel dar. Zwar bedeutete das Gebäude an den Vorsetzen im Schatten der St. Michaeliskirche, des weltberühmten Hamburger Michel, einen idealen Standort in unmittelbarer Nähe des Hafens. Doch andererseits waren die Räume ständig von Überflutungen bedroht, bei der schweren Sturmflut 1962 beispielsweise wurden die Produktionsräume ruiniert. Zudem war das Gebäude durch eine Veränderungssperre blockiert, weil Planungen bestanden, den zweiten Elbtunnel in diesem Bereich zu bauen. So orientierte sich Jost Bernhardt um, und über einen Geschäftspartner gelangte er 1975 an die Gebäude eines Konkurs gegangenen Pelzgeschäftes in Wedel – eine Betriebsstätte, die allein mittlerweile ebenfalls nicht mehr ausreicht und durch weitere Produktionsorte ergänzt wurde.