1963: Die „Bismarck“ und der Vater der Schiffssicherheit

Gerhard Junack war ein Mann, der wusste, wovon er spricht. Denn als der Kapitän zur See Mitte der 50-er Jahre in die neu gegründete Marine der Bundeswehr eintritt, hat er die ersten Begegnungen mit den Schrecken des Meeres lange hinter sich. Junack war als Zweiter Leitender Ingenieur an Bord des Schlachtschiffs „Bismarck“, als dies am 24. Mai 1941 das englische Kriegsschiff „HMS Hood“ versenkte. Und er war auch dabei, als die „Bismarck“ nur fünf Tage später nach einer dramatischen Seeschlacht sank und 1977 Seeleute ihr Leben ließen. Viele von ihnen hatten sich durch einen Sprung vom brennenden Schiff retten können – um dann im Nordatlantik zu ertrinken. Junack selbst hatte dem Tod ins Auge gesehen – und wollte nun den jungen Kameraden dieses Schicksal ersparen.

Kapitän Gerhard Junack war an Bord der „Bismarck“, als sie sank. Nach Kriegsende widmete er sein Leben der Schiffssicherheit.

Kapitän Gerhard Junack war an Bord der „Bismarck“, als sie sank. Nach Kriegsende widmete er sein Leben der Schiffssicherheit.

Die Erinnerung und die Erfahrung ist Kapitän Junack gegenwärtig, als er 1958 mit dem Aufbau der Schiffssicherungslehrgruppe in Neustadt betraut wird. Dort soll jungen Marine-Soldaten erklärt werden, wie Brände bekämpft und Lecks gedichtet, wie Rettungswesten angelegt und Signalmunition eingesetzt wird. Unschätzbar ist das Wissen, das er den Kadetten vermitteln kann. Denn beinahe jede denkbare Notlage hat er am eigenen Leib erfahren. Sein Wissen und die ruhige, geduldige Art, es an den Nachwuchs weiterzugeben, bringen ihm den Titel „Vater der Schiffssicherheit“ ein. Dazu trägt auch bei, dass er erheblichen Anteil an der Neukonstruktion und Standardisierung des Rettungsgerätes der Marine hat.

Dass er bei seiner Arbeit irgendwann auf Jost Bernhardt stösst, ist geradezu zwangsläufig. Junack ist beeindruckt von der Arbeit des Konstrukteurs und kann selbst noch wertvolle Verbesserungsvorschläge beisteuern. So werden SECUMAR-Produkte auf die Erfordernisse der Marine abgestimmt. Zum Einsatz kommt beispielsweise die „Rettungsboje U-förmig“, eine Feststoff-Weste mit einer Wurfleine, die den traditionellen Rettungsring ablöst.

Die Marinerettungsschwimmweste 3 (MRS 3) von Secumar überzeugte die Verantwortlichen der Bundeswehr.

Die Marinerettungsschwimmweste 3 (MRS 3) von Secumar überzeugte die Verantwortlichen der Bundeswehr.

Die Marine-Rettungsschwimmweste (MRS) 3

Den Durchbruch aber bringt die Marine-Rettungsschwimmweste (MRS) 3, die ab 1964 eingeführt wird. Sie ist das Ergebnis der konsequenten Forschungsarbeit von Jost Bernhardt, der 1958 die erste ohnmachtssichere Rettungsweste konstruierte. Die MRS 3 ist nicht nur besonders robust ausgelegt und passend zu den damals noch aus Leder gefertigten Gefechtsanzügen, sondern sie erfüllt in einem wesentlichen Punkt die geforderte Redundanz: Sie verfügt als erste aufblasbare Weste über ein Zwei-Kammer-System – das bedeutet: doppelte Sicherheit im Wasser. Damit nicht genug: Die Kammern lassen sich zudem auseinander knöpfen und jede für sich anlegen, so dass eine Weste gewissermaßen zwei Seeleute retten kann.

Die Anerkennung, die SECUMAR bei der Bundesmarine genießt, führt nicht allein dazu, dass auch die Berufsschifffahrt Vertrauen findet, sondern auch die Marinen anderer Staaten. Seit den ersten Stunden hält Bernhardt Kontakt zur dänischen Marine. Zunächst hilft er dem für die Ausrüstung verantwortlichen Kapitän F. Christensen mit aufgekauften Rettungswesten aus Wehrmachtsbeständen weiter, die später durch selbst gefertigte Produkte abgelöst werden. Heute haben viele NATO-Marinen SECUMAR-Rettungswesten an Bord.

Seit neuestem verlässt sich auch die US-Navy auf SECUMAR-Technik. Gemeinsam mit dem amerikanischen Partner-Unternehmen STEARNS stattet SECUMAR die Navy mit Auslöseautomaten für die Rettungswesten aus.

Aber für andere militärische Spezialverwendungen hält SECUMAR ebenfalls passende Westen parat. Zu ihnen gehören der Tauchersicherungskragen TSK oder auch der U-Boot-Rettungskragen URK 80, der mit einer besonders viel Luft fassenden Flasche ausgelegt ist.

Seit Ende der 60-er Jahre setzt auch die Bundesluftwaffe auf SECUMAR-Rettungswesten; zunächst die F 104-Starfighter-Piloten, nun die Crews der Tornado-Flugzeuge. Selbst das Heer kommt ohne SECUMAR nicht aus. Pioniere sind mit Feststoff-Westen ausgerüstet. Und sogar in Fahrzeugen, die auf den ersten Blick nun wirklich nichts mit Wasser zu tun haben, findet man Rettungswesten: in Kampfpanzern. Weil die Tanks vom Typ Leopard bis zu einer gewissen Tiefe Gewässer „durchwaten“ können, indem sie sich Luft per Schnorchel ansaugen, sind auch sie mit dem Seenot-Rettungsmittel „Weste“ ausgestattet. Denn der „Leo“ könnte unter Wasser ja mal liegenbleiben…