| Die
unsichtbare Rettungsweste |
| Als Jost
Bernhardt Ende der 60-er Jahre seine neueste Westen-Erfindung,
die BS 8 für die Binnenschifffahrt testet, um die Markteinführung
vorzubereiten, da ahnt er nicht, welche Perspektiven sich mit
dem „unscheinbaren Ding“ für sein Unternehmen auftun sollen. Erfolge,
die in eben dieser Unauffälligkeit begründet sind. Denn auf dem
großen Teich der Freizeit-Schipper will jedermann Komfort und
Bequemlichkeit - ein auffälliges, klobiges, unpraktisches Rettungsgerät
hat da keine Chance.
Aber Bernhardt denkt in dieser Zeit nicht an die Befindlichkeiten
der noch relativ kleinen Hobby-Skipper-Gemeinde. Er ist vielmehr
besorgt über die gefährliche Situation, in der sich jene befinden,
die nur bedingt freiwillig aufs Wasser gehen, jene, die mit der
harten Arbeit als Binnenschiffer ihr täglich Brot verdienen: Partikuliere
und Bootsleute.
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Die Weste in trockenem Zustand:
flach und unauffällig. |
Die Berufsgenossenschaft
ist alarmiert durch beängstigend hohe Unfallzahlen und daraus
resultierenden Todesfällen bei den Binnenschiffern. Ein Grund
für die traurige Situation ist, dass sie mit Rettungswesten nicht
viel im Sinn haben. Die meisten Modelle sind zumindest unpraktisch
und stören bei der Arbeit oft sehr. Und nach Feierabend beim Landgang
trägt (See-) man(n) ohnehin keine Weste - die ist ja allzu offensichtlich,
und wer will sich schon dem Spott irgendwelcher Landratten aussetzen?
Aber das Unglück schläft nirgendwo. Folge: Die Berufsgenossenschaft
hat Jahr für Jahr mehr Witwen zu versorgen.
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Aus dieser Situation
heraus schafft Jost
Bernhardt die BS 8. Es ist eine aufblasbare Weste, ihr
Kernstück ist die „SECUMATIC 8“, ein Aufblas-Automat, ein feinmechanisches
Wunderwerk aus der Wedeler Feinwerktechnik-Schmiede von Georg Hase.
Ihr Prinzip: Eine Hebel-Feder-System wird gespannt. Als Sicherung
dient ein „wassersensitives Element“, genauer: eine Pille, die sich
bei Kontakt mit Wasser blitzschnell zersetzt. Das System löst einen
Bolzen, der den Verschluss einer Kohlendioxid-Patrone durchsticht,
so dass das Gas einen Schwimmkörper aufblasen kann.
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So lange
diese Pille, nach einem Spezialrezept aus Zellulose hergestellt,
trocken bleibt, sprich: so lange der Träger von Weste samt Automatik
nicht über Bord geht, so lange bleibt der Schwimmkörper leer und
flach - und kann klein gefaltet werden. In diesem Zustand hat
sie eine oliv-farbene Oberseite. Wird die Weste jedoch gefüllt,
klappt diese Seite um, und das weit leuchtende Orange kommt zu
Vorschein.
Das Revolutionäre an der BS 8: Dank der Auslöseautomatik und
der besonderen Auftriebsverteilung im Schwimmkörper wird auch
jemand, der bewusstlos ins Wasser fällt, nicht ertrinken.
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Die Weste nach ausgelöster Automatik:
ein pralles Stück Sicherheit um den Hals. |
| Der Schwimmkörper wird bei Wasserkontakt
von aufgeblasen und dreht gemäß den Gesetzen der Schwimmphysik
den Körper auf den Rücken, hält den Kopf über Wasser.
Diese Sicherheit verbunden mit der Handlichkeit und dem Komfort,
ein fast nicht zu bemerkendes Rettungsgerät am Körper zu tragen,
spricht sich herum. Die damals noch kleine Segler-Gemeinde ist
begeistert, eine Alternative zu den oft klobigen Feststoff- und
Naturproduktwesten angeboten zu bekommen - eine Begeisterung,
die auch bei den nachfolgenden Rettungswesten-Generationen nicht
nachgelassen hat.
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